Ein Prolog Zu Inkubation
Ich wache auf und schaue mich um. Nichts ist so, wie ich es erwartet habe. Grünlich-weisses Neonlicht blendet meine Augen. Es riecht wie in einer Pariser Metro-Station – Eisen, ein Hauch Urin, eine warme, klebrige Feuchtigkeit. Vielleicht wäre das eine gute Basis für ein Parfüm. Man müsste noch Bergamotte und etwas Holziges beimischen. Der Raum wirkt wie eine Bahnstation: ein Gleis, ein Gehsteig, alles ausgekleidet mit kleinen weissen Fliesen.
Nein – halt. Ich sehe zwei rote Fliesen auf dem Boden, links und rechts von mir, in unterschiedlicher Entfernung.
An der Wand gegenüber dem Gleis sehe ich ein Schild mit der Aufschrift „Delphi“, in einer modernen Jugendstil-Schrift. Der Raum hat keinen Ein- oder Ausgang. Ich habe keine Orientierung, fühle mich aber irgendwie geborgen - und doch ängstlich.
Ich sitze auf einer Bank, die ebenfalls aus weissen Fliesen besteht, und beschliesse aufzustehen. Ich habe das Bedürfnis, mich zu bewegen, und mache ein paar Schritte nach links zur einen roten Fliese. Das Rot ist sehr schön und erinnert mich an die Farbe eines Lippenstifts. Die Fliesen sind quadratisch und ungefähr zwanzig Zentimeter breit. Ich gehe zur roten Fliese auf der anderen Seite – sie ist identisch.
Ich trage blaue Jeans, braune Sneakers und ein schwarzes Hemd. Ich würde gerne überprüfen, wie meine Frisur sitzt. Es gibt nirgends einen Spiegel oder etwas, das als solcher dienen könnte. Ich bemerke, dass ich kein Handy dabei habe, nur meine Armbanduhr, aber auch sie funktioniert nicht als Spiegel. Ich bin ein wenig eitel.
Es ist 2 Uhr 18. Entweder nachmittags oder nachts. Ein Zug rast vorbei, ohne anzuhalten. Er scheint leer zu sein, was eher auf tiefe Nacht schliessen lässt. Ich setze mich wieder hin und schliesse die Augen. Wo bin ich hier? Und was mache ich hier?
Ich höre einen weiteren Zug kommen und öffne die Augen, stehe auf – doch auch er rast vorbei. Ich setze mich wieder.
Die Zeit vergeht. Nur hin und wieder fahren Züge vorbei. Sie haben immer drei Waggons und sind leer. Ich frage mich, wie lange das noch geht und ob je ein Zug anhält und mich mitnimmt. Die Zeit beginnt zu verschwimmen.
Keine Stimme, nichts. Über was würde ich jetzt mit einer Person sprechen wollen? Gibt es Menschen, die keine Selbstgespräche führen?
In diesem Moment werde ich aus meinen Gedanken gerissen. Ein Zug fährt ein, er verlangsamt sich.
Er hält an. Eine Tür öffnet sich. Ein Mann tritt auf den Gehsteig.
„Hallo Frank, ich bin Numen.“
„Hallo Numen, ich habe lange auf dich gewartet.“
„Ich weiss. Jetzt bin ich hier.“
„Wohin fährt der Zug?“
„Wohin du willst. Aber bevor du einsteigen kannst, musst du eine Frage stellen. Quasi als Fahrkarte. Aber Vorsicht: Du hast nur einen Versuch. Und es muss die passende Frage sein.“
Ich überlege lange.
„Warum bin ich hier?“
Numen tritt zur Seite und lässt mich einsteigen.
Der Wecker klingelt und ich wache auf. Mein Bett ist warm, mein Kopf hell und klar. Ich habe trotzdem kalte Füsse. Es ist Frühling, draussen ist es hell. Ich schaue auf meine blau-weiss karierte Bettwäsche und fühle mich zuhause. Ich stehe auf und gehe in die Küche. Ich nehme die hellblaue Bialetti aus dem Schrank, schraube sie auf, fülle Wasser mit einer Prise Salz und Kaffee ein und stelle sie auf den Herd. Ich schaue aus dem Fenster und sehe den blühenden Kirschbaum draussen im Hof. Wo war ich vorhin?
Die Bialetti beginnt zu sprudeln. Ich drehe die Hitze zurück und warte, bis der Kaffee fertig ist. Ich gebe kalte Milch zum heissen Kaffee, setze mich und beginne zu trinken. Ich habe heute um neun Uhr eine Verabredung mit Judith. Wir gehen am See spazieren. Wir reden jeweils über Gott und die Welt. Sie trägt meist einen etwas zu farbigen Lippenstift, aber ansonsten mag ich sie als ehrliche Freundin. Soll ich ihr von meinem Traum erzählen?
Ich nehme noch einen Schluck. Der Kaffee ist heiss und schmeckt wie gewohnt – leicht bitter, nach Karamell und natürlich nach Kaffee. Auf dem Tisch liegt ein Magazin. Das Titelblatt zeigt einen roten, quadratischen Pflasterstein.
Es ist 8:39 Uhr. Ich muss los an den See.
Judith ist schon am Steg und kommt lachend auf mich zu.
„Warum bist du hier?“, frage ich sie.
Sie bleibt kurz stehen. „Weil wir verabredet sind?“
Sie hat heute keinen Lippenstift und zerzauste Haare.
Ich sage nichts. Wir gehen los und geniessen die gegenseitige Präsenz – stillschweigend.
„Nein“, sage ich nach einer Weile. „Ich meine: Warum bist du hier – im Generellen, aufs Leben bezogen?“
Sie schaut mich mit ihren grossen Augen an. Ich merke, dass sie nach innen blickt. Sie sagt nichts, und wir gehen weiter. Eine Entenfamilie schwimmt auf dem See. Die Zeit beginnt wieder zu verschwimmen. Ich fühle mich wie in der Metro-Station.
Judith unterbricht die Stille. „Ich glaube, weil ich herausfinden will, warum ich hier bin.“
Ich hebe die Augenbrauen.
Wir gehen weiter.